Dr. Amel Karboul

Coaching in einer komplexen Welt – Beziehungen als Fokus
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Coaching hat bereits eine rasante Entwicklung hinter sich. Vor 20 Jahren galt es noch als Schwäche, wenn eine Führungskraft einen Coach um Rat fragte. Heute ist so manche Führungskraft eher verwundert, wenn man keinen Coach hat. Und der Bedarf scheint weiter zuzunehmen.

Eine Führungskraft heute ist in einer anderen Position, als sie es noch vor 20 Jahren war. Unser Arbeitsumfeld wird immer komplexer, die Aufgaben müssen schneller, genauer und mit weniger Informationen erledigt werden und die Autorität einer Führungskraft wird immer mehr in Frage gestellt. Todd Gitlin drückte es treffend aus, die Frage sei nicht ob, sondern welche Autorität man heute in Frage stellen solle.

Kennen sie Goodbaby, Embaer und Tata? Sagt ihnen der Name Wang Chuanfu etwas? Wenn nicht, sind sie nicht allein. Das rasante Wachstum asiatischer Marken im letzten Jahrzehnt und die Bedeutung von Business Leadern aus dem fernen Osten hat die westliche Welt geradezu überrollt. Doch in dieser neuen Welt ist Konkurrenz auch nicht unbedingt Konkurrenz. Oft arbeiten Firmen auf einem Projekt zusammen, während sie auf einem anderen Projekt erbitterte Konkurrenz vereint. Ein gutes Beispiel dafür ist Apples Klage gegen Samsung. Apple mahnt Patentverletzungen seitens Samsung an. Samsung auf der anderen Seite ist einer von Apples größten Zulieferern.

Auch Expertentum hat sich verändert. Das Internet hat eine Revolution der Informationen mit sich gebracht. Der durchschnittliche Bürger, Kunde oder Patient ist heute viel informierter. Ein Arzt beispielsweise hat heute Patienten, die unter Umständen bereits zehn vollständige Kohorten – Studien zu ihrer Krankheit und Behandlung gelesen haben und nun die Expertenmeinung des Arztes zu Möglichkeiten von Entwicklung und Behandlung im Licht dieser Informationen sucht. Der Status des absoluten Experten wird immer seltener.

Widerstand gegenüber dieser rasanten Entwicklung ist als völlig normal einzustufen. Hier verändert sich oft die Grundlage einer Existenz, sei es die einer ganzen Branche oder die einer einzelnen Person. Die rasante Veränderung erfordert eine Neudefinition des eigenen Rollenverständnisses und das in einem immer wiederkehrenden Prozess.

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondatrieff beschrieb die Entwicklung und Reorganisation der Gesellschaft durch technologische Wellen. Vor 250 Jahren war die Arbeit eines Handwerkers eher komplex. Ein Schuhmacher begleitete die Herstellung des Schuhs von Gerbung des Leders zur Rahmennaht der Sohle. Die Dampfmaschine erlaubte eine erste Automatisierung, besonders in der Textilindustrie. Gewebte Kleider wurden billiger, ein Massenprodukt. Die Stahlindustrie und die Eisenbahn erlaubte die Entstehung von Industrie mit viel grösserer Reichweite dank Transport.  Das Taylor Prinzip und die Fliessbandfertigung erlaubten eine zuvor ungekannte Produktivitätssteigerung, der Aufgabenreichtum eines Arbeiters verstand sich oft auf einen einzelnen, hunderte Male auszuführenden Handgriff. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Massenkonsum, nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Thema Mobilität dank der petrochemischen Industrie ein Grund der Revolution und Ende des 20. Jahrhunderts kam die Informationstechnologie, die wieder die Welt grundlegend veränderte. Doch was kommt nach dem Informationstechnologie-Zyklus? Leo Nefiodow identifiziert einen sechsten Zyklus, den der Gesundheit. Gesundheit, vor allem die psychosoziale Gesundheit und die Unterstützung der Gesundheit durch Technologie machen eine moderne Kondatrieff Welle aus.

Doch was bedeutet eine psychosoziale Gesundheitsrevolution überhaupt? Wie erkennt man sie und welchen Einfluss wird sie nehmen? Denkbar ist dass wir für eine Zeit weniger starke Revolutionen durch die Technik erleben werden. Unsere Mobiltelefone sind bereits fähige Computer. Grafik, Leistungsfähigkeit und Ergonomie werden sich evolutionär fortentwickeln. Auch für Computer ist die nächste revolutionäre Leistungsspitze der Quantencomputer für den Nutzer erstmal nur ein Wort und abgesehen von enormer Leistungsfähigkeit wenig revolutionär, auch wenn ein Techniker das anders sehen wollte. Der moderne Kondratieff wird durch eine andere Qualität beschrieben, die Qualität der Interaktion zwischen Menschen. Und nicht nur zwischen einigen wenigen Business Leadern, sondern zwischen Netzwerken. Schaut man sich die Zitationen führender Physiker in ihren Artikeln an, so entsteht ein Netzwerk kleinerer, stark miteinander verbundener Netzwerke. „Sneezer,“ wie Seth Godin sie nennt oder „Connectors“ wie sie von Malcom Gladwell betitelt wurden,  verbinden die kleinen Netzwerke während in der Mitte der Meinungsführerschaft ein Experte, von Gladwell „Maven“ genannt die Meinungsführerschaft als Spezialist annimmt. Gladwell beschreibt als weiteren wichtigen Teil eines Netzwerks den sog. Salesman, den Verkäufer. Dieser bringt die Informationen des kleinen Netzwerks an die die Connector, die die Information wiederum in andere Netzwerk weitertragen.

Die Qualität der Interaktionen zwischen all diesen Menschen macht inzwischen einen grossen Teil des Business aus. Oft können durch das Internet kleine Anbieter über ihre Netzwerke Produkte besser verkaufen als Große, man kauft nicht mehr unbedingt das Olivenöl vom Grosshersteller, sondern bestellt direkt vom Olivenbauern aus Griechenland, der uns nicht nur Herkunft, sondern auch das Biozertifikat neben einem Bild von seiner Plantage bieten kann.

So gesehen wechselt auch unser Führungsverständnis. Während sich Organisationsentwicklung in der Sicht einer Organisation als Maschine oder als Haufen von Menschen noch stark Top-Down abspielte, sieht die systemische Sicht und vor allem die Netzwerksicht auf das Unternehmen Führung nicht nur hierarchisch, sondern auch in individuellen Netzwerken verteilt. Die moderne globale Organisation entwickelt sich in Netzwerken von Kompetenz und das oft abseits von seiner formalen, hierarchischen Struktur.

Diese Entwicklung stellt Führungskräfte wie Mitarbeiter gleichermaßen auf die Probe und erfordert permanente Bereitschaft zur Entwicklung, zur Veränderung und zur Reaktion auf äußere Gegebenheiten. Die Arbeitswelt des Einzelnen wird immer komplexer, Entscheidungen müssen mit weniger Informationen getroffen werden und täglich können Änderungen eintreten, auf die sich eingestellt werden muss. Und hier kommt Coaching ins Spiel. Die Qualität der Interaktion von Mensch zu Mensch und die Selbstreflektion der eigenen Person, der eigenen Bedeutung und der eigenen Beziehungen sind zentrale Inhalte und Prozesse im Coaching. Coaching tut seinen Teil um die rasante Entwicklung für einen Moment zu entschleunigen, die eigene Position und das eigene Selbstverständnis zu festigen und zu entwickeln. Die Führungskraft, die sonst wenig Zeit hat, auf die Bremse zu drücken, bekommt die Zeit sich als Mensch innerhalb seines Systems und Netzwerks zu entwickeln und die Qualität seiner Interaktionen mit anderen zu überdenken und zu verbessern. Und gerade heute, wo diese Interaktionen zwischen Schlüsselpersonen von Netzwerken sich als  Grundlage zukünftigen Erfolgs herausstellen, entwickelt Coaching ein Selbstverständnis und seinen Platz in der Welt. Als ein Katalysator und Verbesserungswerkzeug für die Beziehungen zwischen Menschen und der Beziehung zu sich selbst und damit vor allem der Verbesserung von Gesundheit, Wohlbefinden und damit geschäftlichen Erfolgs.